[ivcs]
Type: article
Special: frontpage
[/ivcs]

Endlich war es soweit, im März 1983 stand der Brotkasten endlich auf meinem heimischen Schreibtisch. Er sollte meine kleine Welt verändern und mein zukünftiges Leben entscheidend beeinflussen. Schon beim Aufreißen der Verpackung fieberte ich über die ganzen Spiele und Anwendungen nach, die ich auf dem kleinen Commodore 64 ausprobieren wollte.

Der kleine Commodore, oder auch liebevoll Brotkasten genannt, war der erste Computer, den ich mir leisten konnte. Mit knapp 16 Jahren musste ich ganz schön an der Nerven meiner Eltern und aller Verwandten zerren, damit ich die 1.495 DM zusammen bekam. Er stand erst ganz am Anfang einer ganzen Reihe von Computern aus dem gleichen Hause, bis ich 1992 die Möglichkeit hatte, kurz vor dem Bankrott des Unternehmens die Mutterzentrale in Philadelphia zu besuchen.

Aber alles der Reihe nach, der Kleine bot mit seiner 8 Bit Technik ganze 64 KByte Arbeitsspeicher an. Für heutige Zeiten gerade einmal der Speicher eines günstigen Taschenrechners, zu damaligen Zeiten ein kleines Wunder, da er die Möglichkeiten hatte, 16 Farben auf einem Bildschirm darzustellen. In der Zeit der monochromen IBM PCs, die gerade einmal grün oder Bernsteinfarben konnten, der reine Wahnsinn.

Ein Bekannter hatte damals einen Second Hand Shop und konnte kistenweise bespielter Disketten mit 170 kB Speicherkapazität heranschaffen. Jedes Spiel wurde angetastet und, falls interessant genug, sofort kopiert. Meine kleine Softwarebibliothek umfasste alle aktuellen Spiele wie Pirates, California Games und Bards Tale, sowie die besten Casino Games. Stundenlang haben meine Freunde und ich das externe Diskettenlaufwerk mit Monte Carlo Casino, Casino Roulette und Slot Machines gefüttert.

Bevor das Internet überhaupt verfügbar war und jeder sich an Slots wie The War oft he Worlds oder Alien Robots austoben konnte, waren diese Spiele das Nonplusultra für jeden, der sich nicht leisten konnte ein richtiges Casino zu besuchen. Mit 320 × 200 Sprites schaffte es der kleine Brotkasten, uns die große Welt auf dem kleinen Fernseher zu zeigen.

Wir verbrachten Stunden mit dem Basic Interpreter und freuten uns über jeden Ton, über jede bunte Linie, die wir auf dem Bildschirm zaubern konnten. Die Grafiken wurden immer ausgefeilter und wilder, bis die 64 KB vollkommen ausgereizt waren. Schon nach kurzer Zeit war mein damaliges Kinderzimmer mit der zugehörigen Peripherie aufgeladen, Joystick, Kassettenlaufwerke, Drucker, Maus und Lightgun übernahmen die Kontrolle.

Dies war damals alles schon sehr aufregend, bis ich ein ganz besonderes Peripheriegerät in die Hände bekam: Der erste Akustikkoppler veränderte mein Verhältnis zu dem Computer total. Über das Telefonnetz konnte ich jetzt mit Computerfreaks auf der ganzen Welt kommunizieren, Programme tauschen und Kommentare auf Message Bords hinterlassen. Mein kleines Kinderzimmer wurde zu einem internationalen Kommunikationszentrum, einem kleinen CIA, in den Händen eines Sechzehnjährigen!

Von der letzten Ausgabe des Playboys bis hin zu den neuesten Hacker Nachrichten, alles floss über meinen Bildschirm. Schule, Hausaufgaben und anderer Tätigkeiten verloren ihre Wichtigkeit, der Sprung in die digitale Welt ließ alles andere verblassen.

Erst die Telefonrechnungen und die Ermahnungen meiner Eltern stoppten meinen Enthusiasmus ein wenig, der sich in den folgenden Jahren immer mehr an die Außenwelt anpassen musste. Aber seitdem hat mich die Faszination der digitalen Welt nicht mehr losgelassen.

Auch wenn die Computerwelt heute so vielfältig geworden ist, dass eine einzige Person nicht in der Lage, ist alle Nachrichten zu verarbeiten, trete ich den Versuch doch täglich an. Der Computer hat meine sozialen Kompetenzen nicht eingeschränkt und ich bin auch nicht dick, habe keine fettigen Haare und meine Hautfarbe erinnert auch nicht an eine frisch gestrichene Wand. Ich bezeichne mich nicht als Computerfreak, nicht als Spielnarren, verbringe aber doch noch viel Freizeit mit den neuesten Video Slots und versuche in der Computerwelt auf dem Laufenden zu bleiben.

Alles hat mit der kleinen Brotkiste angefangen!